Franklin Art Glass Studios: Ein Jahrhundert Glaskunst in vierter Generation
Über ein Jahrhundert später, so berichtet das Magazin Columbus Monthly, führt Andrea Reid den Betrieb in vierter Generation – und damit eine der seltenen Werkstätten, die ihren handwerklichen Prozess…

1924 – drei Namen stehen am Beginn einer Werkstatt, die bis heute Bestand hat: Wilhelm Kielblock, Wilhelm Kielmeier und Henry „Elmore" Helf gründeten damals in Columbus, Ohio, das Franklin Art Glass Studios. Über ein Jahrhundert später, so berichtet das Magazin Columbus Monthly, führt Andrea Reid den Betrieb in vierter Generation – und damit eine der seltenen Werkstätten, die ihren handwerklichen Prozess seit der Gründung kaum verändert haben.
Eine Werkstatt im Wandel der Zeit
Das Franklin Art Glass Studios behauptet sich in einem Viertel, das selbst Geschichte atmet: dem German Village, wo deutsche Einwanderer einst ein Stück Heimat im Mittleren Westen schufen. Hinter einer unscheinbaren Fassade verbirgt sich ein 23.000 Quadratfuß großer Produktionsbereich mit einem 12.000-Quadratfuß-Lager – für das historische Viertel eine bemerkenswerte Größenordnung. Im vorderen Bereich verkauft das Studio kleinere Lampen, Dekorationen und Bastelbedarf, während der Großteil der Arbeit hinter verschlossenen Türen geschieht.
Wir sehen hier ein Gegenstück zur Erzählung vom Niedergang des Handwerks: eine Werkstatt, die ihre Methoden über vier Generationen bewahrt hat und dennoch wirtschaftlich aktiv bleibt. Die Frage, die sich für unsere Leser stellt – nicht als trockene Statistik, sondern als Indikator für den Zustand des gesamten Feldes: Wie gelingt solche Beständigkeit, und was bedroht sie?
Der Prozess: Vom Bleistiftstrich zum fertigen Werk
Wer den Wert handwerklicher Arbeit ermessen will, schaue auf den konkreten Ablauf. Reid skizziert jedes Design in Originalgröße auf Papier – ohne CAD oder andere digitale Hilfsmittel. Die Skizze wird in einzelne Schnittmuster zerlegt, an erfahrene Glaser weitergegeben, die das Glas nach den Mustern zuschneiden und in Bleikanäle fügen. Wer ein Fenster bestellt, sollte wissen: Jede Linie, jede Kurve wird per Hand aufs Papier gesetzt und anschließend manuell übertragen – eine Arbeitsweise, die sich in computergestützten Studios kaum noch findet.
Was leicht übersehen wird: Das Zementieren am Ende des Prozesses erfüllt eine doppelte Funktion. Es füllt nicht nur die kleinen Lücken zwischen Glas und Blei, sondern härtet auch die Bleistruktur und schützt vor Witterung. Ohne diese Schicht, so Reid gegenüber dem Magazin, würden Schwerkraft und Temperaturschwankungen über die Jahre unweigerlich ihre Wirkung entfalten. Zugleich dunkelt das Zement die Bleilinien ab – eine bewusste ästhetische Entscheidung, die das Glas selbst in den Vordergrund rückt.
Wirtschaftliche Realität und was zu beobachten bleibt
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind prekär. Kirchen als traditionelle Hauptauftraggeber für Restaurierungen beauftragen heute deutlich weniger neue Fenster als früher – der Zeit- und Arbeitsaufwand übersteigt schlicht die Budgets der meisten Gemeinden. Für Auftraggeber, die heute eine handwerklich gefertigte Glasmalerei in Erwägung ziehen, bedeutet dies: deutlich höhere Kosten und längere Wartezeiten als bei industriellen Lösungen, aber auch eine Beständigkeit, die sonst kaum zu finden ist.
Das Studio beherbergt rund 1.900 verschiedene Glassorten, überwiegend von Herstellern aus den USA – ein Bestand, der für individuelle Studios untypisch ist und nur durch die Kombination von Großhandel, Einzelhandel und Werkstatt möglich wird. Betrachtet man die Entwicklung der gesamten Branche, so wird hier ein strukturelles Problem sichtbar: Nur wer genug Volumen erzeugt, kann ein so umfangreiches Lager vorhalten und damit überhaupt schnelle Restaurierungen anbieten.
Was bleibt zu beobachten: Gelingt es Werkstätten wie Franklin Art Glass, neue Auftraggebergruppen zu erschließen, die die Lücke schrumpfender kirchlicher Märkte füllen? Die kommenden Jahre werden zeigen, ob handwerkliche Glasmalerei außerhalb religiöser Bauten neue Trägergruppen findet – Hotels, Universitäten, private Sammlungen etwa. Für die zeitgenössische Glas-Szene insgesamt bleibt Franklin Art Glass damit ein Lehrstück: Handwerkliche Konstanz über vier Generationen ist möglich, aber sie hängt an Rahmenbedingungen, die sich gerade verändern.