Studioglas-Sammlung: Anleitung für den Einstieg
Wer eine Studioglas-Sammlung aufbauen will, sollte sich zunächst von einer verbreiteten Illusion verabschieden.

Was in Galerien, Auktionshäusern und Hotellobbys als Studioglas gehandelt wird, hat mit der Bewegung, die 1962 in Toledo ihren Anfang nahm, oft nur das Material gemeinsam. Der häufigste Einsteigerfehler: Man kauft ein paar schöne Glaskörper, gruppiert sie auf einem Sideboard und nennt das Sammlung. Das ist keine Sammlung. Das ist eine dekorative Anhäufung mit Glaskörpern.
Studioglas ist keine dekorative Disziplin. Es ist eine künstlerische Sprache, deren Grammatik aus der Abkehr von der Industrie gewonnen wurde. Wer das nicht verstanden hat, sammelt am Ende Vasen mit intellektuellem Anstrich. Die folgende Anleitung ist daher weniger ein Einkaufsberater als eine kuratorische Disziplinierung. Sieben Punkte, fünf Sammlungsfehler, eine Haltung.
Die Geburtsstunde: 1962 und die Befreiung des Materials
Die Studioglasbewegung verdankt ihre Existenz einer technischen wie intellektuellen Befreiungstat. 1962 lud Harvey Littleton, Keramiker und Glasforscher, zu zwei Workshops an das Toledo Museum of Art in Ohio ein. Das Ziel war nüchtern und revolutionär zugleich: zu demonstrieren, dass sich Glas ohne den Apparat einer Manufaktur, ohne die Logik industrieller Serienproduktion im eigenen Atelier schmelzen und formen lässt.
Damit war der entscheidende Schritt noch nicht in allen Ländern vollzogen. Die amerikanischen Workshops wurden zum Ausgangspunkt einer internationalen Entwicklung, deren Bedeutung sich erst in den folgenden Jahren an verschiedenen Orten konkretisierte. Für das deutsche Studioglas ist dabei Frauenau von besonderer Bedeutung – allerdings nicht in erster Linie als Standort einer späteren Bildungsstätte, sondern als Ort, an dem Erwin Eisch die technischen Voraussetzungen für unabhängiges Arbeiten schuf.
Eisch, 1927 geboren, hatte das Glasmacherhandwerk von der Pike auf gelernt, zunächst in der väterlichen Hütte, dann an der Münchner Akademie. Was ihn mit Littleton verband, war die Überzeugung, dass der Glaskünstler nicht Angestellter eines industriellen Prozesses bleiben darf, sondern Autor seines Materials sein muss. Bei ihrem historischen Treffen 1962 in Toledo wurde diese Haltung zu einem Programm. In Frauenau musste sie anschließend in eine eigene praktische Arbeitsmöglichkeit übersetzt werden.
1965 baute Eisch im Keller der Glashütte einen eigenen Studioglasofen – klein genug für den experimentellen Eingriff, unabhängig von der Tagesproduktion der Hütte. Dieser Ofen ist die entscheidende Geburtsstätte des deutschen Studioglases. Nicht das Bild-Werk Frauenau, das erst später als Bildungsstätte für die internationale Glasszene Bedeutung gewann, markiert diesen Anfang, sondern Eischs 1965 errichteter Ofen in der Glashütte. Dort wurde die Idee des unabhängigen Studioglases unter deutschen Bedingungen praktisch und künstlerisch verwirklicht.
Was dort entstand, war keine Serie, sondern ein einmaliges Objekt, geboren aus der Verantwortung des einzelnen Urhebers für Form, Oberfläche und Volumen. Eischs Arbeiten aus dieser Phase zeigen bereits das Programm der gesamten Bewegung: Gefäße, die nicht mehr trinken müssen, um Glas zu sein, und Figuren, die sich gegen die Schwerkraft behaupten, ohne in Pose zu verfallen.
Das deutsche Studioglas beginnt nicht im Bild-Werk, sondern mit dem Ofen, den Erwin Eisch 1965 in der Glashütte errichtete: Dort wurde die Idee unabhängiger Glasarbeit zur eigenen Praxis.
Das Bild-Werk Frauenau ist deshalb nicht aus der Geschichte zu streichen, aber es muss richtig eingeordnet werden. Es ist eine Bildungsstätte, ein Ort des Austauschs und der Weitergabe. Künstlerinnen und Künstler können dort arbeiten, Verfahren erproben und mit anderen Positionen in Kontakt kommen. Das Bild-Werk erklärt, wie sich die Bewegung fortsetzt und warum Frauenau bis heute ein wichtiger Bezugspunkt ist. Die Entstehung des deutschen Studioglases liegt jedoch früher: bei Eischs eigenem Ofen und bei der Entscheidung, die industrielle Arbeitsteilung zugunsten einer persönlichen künstlerischen Verantwortung zu durchbrechen.
Man muss sich klarmachen, was diese Verschiebung bedeutete. Vor 1962 war Glas als künstlerisches Medium fast ausschließlich an die Industrie gebunden – Entwurf und Ausführung waren getrennt, der Künstler blieb Zulieferer einer Manufaktur. Die Studios brachen diese Trennung und machten den Glaskünstler zum Handwerker und zum Autor in einer Person. Diese Verdoppelung der Verantwortung – für Form und für Ausführung – ist das eigentliche Erbe der Bewegung. Sammler, die nur die fertigen Objekte sehen, übersehen diesen Kern häufig.
Formale Strenge gegen Kitsch: Worauf das Auge wirklich achten muss
Eine Studioglas-Sammlung steht und fällt mit dem Urteilsvermögen ihres Besitzers. Das Problem: Die meisten Kriterien, die in Sammlerkreisen kursieren – Signatur, Zustand, Farbigkeit, Provenienz – sind zweitrangig. Sie sind Versicherungsparameter, keine Qualitätskriterien. Wer eine Sammlung allein daran ausrichtet, baut ein Depot, kein Argument.
Das heißt nicht, dass Signatur, Zustand und Herkunft nebensächlich wären. Ein unklarer Vorbesitz kann die Einordnung erschweren, eine beschädigte Kante den Wert eines ansonsten bedeutenden Werks mindern. Aber diese Merkmale beantworten zunächst eine andere Frage: Ist das Objekt echt, unbeschädigt und nachvollziehbar überliefert? Sie beantworten noch nicht, ob es künstlerisch trägt.
Was zählt, ist die formale Konsequenz. Ein Studioglas-Objekt beantwortet in seiner Form eine Frage, die der Künstler sich gestellt hat. Ist die Antwort kohärent, proportional durchgearbeitet und materialgerecht? Dann ist es ein Kandidat. Ist es eine bloße Ansammlung dekorativer Effekte, eine Glashülse um ein vages Konzept, dann gehört es in die Vase, nicht in die Sammlung.
Drei Prüfkriterien, die jeder Sammler vor jedem Kauf anwenden sollte:
- Materialgerechtigkeit: Behandelt das Werk das Glas als Glas, oder simuliert es ein anderes Material – Eis, Stoff, fließendes Wasser, schmelzende Butter – auf eine Weise, die das Glas verleugnet? Ein häufiger Fehler epigonaler Arbeiten ist die imitierte Leichtigkeit, das künstliche Schmelzen, die gewollte Zufälligkeit, die nie wirklich zufällig war. Glas will in seiner physischen Präsenz ernst genommen werden, nicht in seiner Auflösung.
- Formale Konsequenz: Stimmen Proportion, Volumen und Wandstärke über die gesamte Figur hinweg? Ein Studioglas-Objekt, das an einer Stelle brillant konstruiert ist und an einer anderen nachlässig wirkt, verrät seinen Urheber. Sammler, die einen Wackler im Halsbereich eines Gefäßes übersehen, kaufen später zweimal.
- Kitschgefahr: Wirkt das Werk wie ein Versuch, dem Betrachter zu gefallen? Studioglas ist kein Gefälligkeitsmedium. Wer einem Objekt die Absicht ansieht, zu berühren oder zu verzaubern, hat es meistens mit dekorativer Ware zu tun, die sich nur als Kunst verkleidet. Erwin Eisch hat in seinen Schriften immer wieder die Bedeutung einer eigenständigen, nicht bloß effektorientierten Auseinandersetzung mit dem Material betont.
| Prüfkriterium | Was gutes Studioglas leistet | Warnsignal für Schwäche |
|---|---|---|
| Materialgerechtigkeit | Glas wird als Glas gelesen, nicht als Imitation | Simulierte Effekte, verleugnetes Material, theatralische Transparenz |
| Formale Konsequenz | Proportion und Volumen werden durchgehalten | Sichtbare Brüche, nachlässige Zonen, instabile Übergänge |
| Konzeptuelle Tiefe | Das Werk beantwortet eine klar gestellte Frage | Dekorative Anhäufung von Effekten, vage Symbolik |
| Autorschaft | Eine spürbare Handschrift und klare Verantwortung des Urhebers | Beliebige Wiederholung erfolgreicher Muster, epigonale Anbiederung |
| Ausführung | Technik und Idee stehen in einem nachvollziehbaren Verhältnis | Virtuosität ohne Notwendigkeit, sichtbare Korrekturen, unausgearbeitete Details |
Eine vierte Prüfung, die oft unterschätzt wird, ist die Frage nach der Reduktion. Ist an dem Werk alles weggelassen, was nicht nötig ist? Studioglas der ersten Generation zeichnet sich durch eine Kargheit aus, die nichts mit Verzicht als bloßem Stilmittel zu tun hat, sondern mit handwerklicher und intellektueller Disziplin. Wer ein Werk nicht um ein Element erleichtern könnte, ohne es zu beschädigen, hat meistens zu viel hinzugefügt.
Dabei sollte Reduktion nicht mit Glätte verwechselt werden. Ein rauer Rand, eine unregelmäßige Oberfläche oder eine sichtbare Spur des Arbeitsprozesses sind nicht automatisch Fehler. Entscheidend ist, ob diese Erscheinungen in die Form integriert sind oder nur von einer unzureichenden Ausführung zeugen. Das Auge muss zwischen gewollter Offenheit und nachträglicher Beschönigung unterscheiden lernen.
Authentizität und Wertbestimmung: Was ein Objekt mitbringen muss
Zur Qualität kommt die Frage der Authentizität. Gerade bei Studioglas ist sie nicht immer mit einem kurzen Blick auf die Signatur erledigt. Signaturen können schwer lesbar sein, auf der Unterseite liegen oder im Lauf der Zeit unkenntlich werden. Umgekehrt ist eine vorhandene Signatur kein automatischer Beweis für eine bedeutende Arbeit. Sie bestätigt zunächst die Zuschreibung, nicht die Qualität des einzelnen Stücks.
Wer ein Werk erwirbt, sollte deshalb die Informationen zum Objekt zusammenhalten. Dazu gehören, soweit vorhanden:
- der Name des Künstlers oder der Künstlerin und die genaue Bezeichnung des Werks,
- Maße und Herstellungszeitraum,
- Signatur oder andere Kennzeichnungen,
- Angaben zur Technik und zum verwendeten Material,
- Herkunft aus Ausstellung, Galerie, Nachlass oder Vorbesitz,
- Hinweise auf Beschädigungen, Restaurierungen oder nachträgliche Veränderungen.
Diese Informationen sind keine Bürokratie um ihrer selbst willen. Sie bilden das Gedächtnis einer Sammlung. Ein Objekt ohne nachvollziehbare Geschichte kann trotzdem wichtig sein, aber seine Einordnung bleibt schwieriger. Besonders bei Werken aus der Frühphase des Studioglases ist der Zusammenhang mit einer Werkgruppe, einer Ausstellung oder einer Werkstatt oft aufschlussreicher als ein einzelnes Verkaufsargument.
Für die Wertbestimmung von Studioglas gilt daher eine einfache Reihenfolge: Erst die Zuschreibung klären, dann den Zustand beurteilen, anschließend die künstlerische Bedeutung innerhalb des Werks betrachten. Erst danach sollte man über den Preis sprechen. Ein hoher Preis ersetzt keine Einordnung; ein niedriger Preis macht ein schwaches Objekt nicht plötzlich interessant.
Der rote Faden: Strategien für den Sammlungsaufbau
Eine Sammlung ist kein Lagerbestand. Sie ist eine These in Objekten. Wer ernsthaft sammelt, definiert vor dem ersten Kauf einen roten Faden und verteidigt ihn gegen jede Verführung des Marktes. Das klingt abstrakt, ist aber praktisch: Wer keinen roten Faden hat, kauft nach Verfügbarkeit statt nach Argument.
Vier bewährte Achsen, entlang derer sich eine kohärente Sammlung aufbauen lässt:
1. Generationenachse: Fokus auf eine bestimmte Periode, etwa die Pioniergeneration um Littleton, Eisch, Labino und die tschechischen und skandinavischen Künstler der 1960er und frühen 1970er Jahre. Vorteil: historische Tiefe, dokumentierte Qualitätsmaßstäbe, klare Ausstellungshistorie. Wer hier sammelt, vergleicht mit den Besten der Bewegung, nicht mit dem, was der Markt gerade anbietet.
2. Technikachse: Fokus auf ein Verfahren, etwa Pâte de verre, Sandguss, Fadenglas oder frei geblasenes Glas mit Holzeinschlüssen. Vorteil: vergleichende Tiefe, Verständnis der materialen Möglichkeiten und ihrer Grenzen. Diese Achse eignet sich besonders für Sammler, die das Material selbst lieben.
3. Regionalachse: Konzentration auf eine Schule, etwa deutsches Studioglas aus der Frauenauer Linie und dem Bayerischen Wald, skandinavisches Glas aus Orrefors und Kosta oder amerikanische Studioglas-Schulen. Vorteil: kontextuelle Geschlossenheit und die Möglichkeit, lokale Werkstätten und Ofengeschichte mitzudenken.
4. Themenachse: Konzentration auf ein Motiv, etwa Körper, Landschaft, Gefäß als autonome Form, Naturstudie oder abstrahierte Figur. Vorteil: intellektuelle Kohärenz und museale Wirkung. Diese Achse verlangt den höchsten theoretischen Aufwand.
Diese Achsen müssen nicht voneinander isoliert werden. Eine Sammlung kann etwa die frühe deutsche Studioglasbewegung mit einem Schwerpunkt auf Gefäßformen verbinden. Sie kann sich auf eine Technik konzentrieren und zugleich eine bestimmte Generation verfolgen. Der rote Faden muss nicht in einem einzigen Schlagwort bestehen. Er muss aber so präzise sein, dass sich eine Absage begründen lässt.
Was man vermeiden sollte, ist die sogenannte Bunte-Stücke-Strategie. Sie kombiniert einen Eisch, ein Schmuckstück aus Murano, ein Dekorationsobjekt aus den 1980er Jahren und nennt das Ganze Sammlung. Das ist keine These, sondern ein Lager mit schöner Beleuchtung. Man kann es einrichten, man kann es verkaufen, aber man kann es nicht verteidigen.
Der pragmatische Einstieg: Beginnen Sie mit zwei oder drei Werkgruppen einer einzelnen Achse, bevor Sie erweitern. Lieber drei herausragende Stücke einer Linie als dreißig belanglose quer durch das Feld. Wer langsam kauft, lernt beim Sehen, und wer beim Sehen lernt, sieht beim zweiten Kauf genauer hin.
Eine Sammlung ist eine These. Wer keine Frage stellt, kann keine Antwort zusammentragen.
Ein Sammlungsheft oder eine digitale Dokumentation hilft dabei, den eigenen Blick zu schärfen. Nicht als Inventarliste für die Versicherung, sondern als Ort der Selbstprüfung: Warum wurde dieses Werk gekauft? Welche andere Arbeit steht dazu in Beziehung? Was fehlt der Gruppe noch – und was würde sie nur wiederholen? Wer solche Fragen notiert, erkennt früh, ob die Sammlung tatsächlich wächst oder nur voller wird.
Wo die Augen lernen: Museen als Bildungsstätte
Der schnellste Weg zu einem geschulten Urteil führt nicht über Galerien, sondern über Museen. Dort ist die Auswahl bereits kuratorisch verantwortet, die historische Zuordnung gesichert, die Vergleichsmöglichkeit zwischen Werken verschiedener Urheber gegeben. Wer einmal ein Original von Eisch neben einem guten epigonalen Stück gesehen hat, sortiert künftig schneller.
In Deutschland gibt es mehrere Anlaufstellen, die für Sammler besonders lehrreich sind:
- Europäisches Museum für Modernes Glas, Rödental bei Coburg: Die zentrale Adresse für europäisches Studioglas mit klarem Fokus auf die Formfindungen der Nachkriegszeit. Pflichtbesuch für jeden, der deutsche Linien verstehen will. Die Sammlung erlaubt direkte Vergleiche zwischen tschechischen, deutschen und skandinavischen Positionen.
- Glasmuseum Immenhausen: Eine kleinere, kuratorisch dichte Sammlung mit gutem Bestand an deutschen und skandinavischen Positionen. Besonders lehrreich, weil die Präsentation das Material sprechen lässt und nicht im Begleitheft verschwinden lässt.
- Achilles-Stiftung Glasmuseum, Hamburg: Das Museum zeigt Arbeiten der Glaskunst, die den Bogen von den 1940er Jahren bis in die Gegenwart spannen. Der Bestand erlaubt direkte Vergleiche zwischen den Generationen und macht Schwächen wie Stärken sichtbar. Hier kann man lernen, was eine Sammlung sein kann, wenn man sie als kohärentes Argument versteht.
- Bild-Werk Frauenau: Das Bild-Werk ist eine international renommierte Bildungsstätte, gegründet von Erwin und Gretel Eisch. Bis heute kommen Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt nach Frauenau, um zu arbeiten, Verfahren zu erproben und sich auszutauschen. Für Sammler ist dieser Ort deshalb wichtig, weil er die Weitergabe des Studioglasgedankens sichtbar macht. Er ist jedoch nicht mit der Geburtsstätte des deutschen Studioglases gleichzusetzen: Diese liegt bei Eischs 1965 errichtetem Studioglasofen in der Glashütte.
Die Unterscheidung zwischen Museum und Bildungsstätte ist nicht kleinlich. Ein Museum bewahrt, ordnet und zeigt Werke in historischen Zusammenhängen. Eine Bildungsstätte ermöglicht Produktion, Begegnung und Erprobung. Beides gehört zur Geschichte des Studioglases, aber beides erfüllt eine andere Funktion. Wer eine Sammlung aufbauen will, sollte beide Perspektiven kennen.
Ein Hinweis, der unbequem ist: Der Atelierbesuch bei einem lebenden Künstler ist keine Sammlung, sondern zunächst ein Akt der Wertschätzung. Wer im Atelier kauft, kauft die Gegenwart des Urhebers. Das ist an sich wertvoll und kann die Grundlage einer ernsthaften Sammlung werden, garantiert aber nicht die museale Konsistenz der späteren Auswahl. Sammler sollten Atelierkäufe und Sammlungskäufe gedanklich getrennt führen.
Was Studioglas nicht ist: Eine notwendige Abgrenzung
Die größte Gefahr für eine entstehende Sammlung ist die Verwechslung mit dekorativem Glas. Studioglas ist kein Gebrauchsglas, auch wenn es oft gebrauchsglasähnlich aussieht. Es ist kein Industrieobjekt, auch wenn es aus industriellen Verfahren hervorgegangen ist. Es ist keine Skulptur aus einem anderen Material, nur weil es wie Eis, wie Stoff oder wie Wasser wirken soll.
Studioglas ist die Konsequenz aus einer Entscheidung, die der Urheber für die Autonomie seines Materials trifft. Glas will in seiner physischen Präsenz ernst genommen werden. Es hat eine Dichte, eine Wandstärke und eine Reflexion, die kein anderes Material besitzt. Wer das ignoriert, baut keine Studioglas-Sammlung, sondern eine Sammlung designnaher Glaskörper – was legitim sein kann, aber etwas anderes ist.
Ebenso problematisch ist die Verwechslung mit Murano. Muranesisches Glas kann brillant sein, oft virtuos, oft spektakulär. Aber es folgt einer anderen Logik: einer handwerklichen und kommerziellen Tradition, in der die Autorschaft des einzelnen Künstlers weniger zählt als die Perfektion der Schule. Sammler, die Eisch und einen Muraneser nebeneinanderstellen, sollten sich fragen, was sie verbindet außer dem Material.
Das bedeutet nicht, dass sich die Bereiche nicht berühren dürfen. Eine Sammlung kann bewusst die Unterschiede zwischen Studioarbeit, Manufaktur und Design untersuchen. Dann braucht sie allerdings eine begründete Fragestellung. Der Fehler liegt nicht in der Vielfalt, sondern in der Behauptung, jede Vielfalt ergebe automatisch Zusammenhang.
Studioglas verlangt vom Sammler dieselbe Disziplin wie vom Künstler: Verzicht auf Effekt, Treue zur Form.
Der Wert der Autorschaft: Eine ökonomische wie intellektuelle Frage
Wer sammelt, muss sich auch der Wertfrage stellen. Hier ist Vorsicht angebracht. Es gibt keine festen Renditeversprechen für Studioglas auf dem Zweitmarkt. Die Preise sind inhomogen, Auktionsergebnisse stark von Modewellen abhängig, und die Provenienz ist nicht immer zuverlässig dokumentiert. Wer Studioglas als Wertanlage kauft, hat in den meisten Fällen die falsche Sammlungsidee.
Was bleibt, ist die intellektuelle Wertfrage: Welche Werke halten der kritischen Betrachtung stand, welche nicht? Dabei ist Autorschaft mehr als ein Name auf der Unterseite. Sie zeigt sich in der Konsequenz einer Werkgruppe, in der Fähigkeit, ein Verfahren nicht bloß vorzuführen, sondern künstlerisch zu nutzen, und in der Bereitschaft, ein Risiko einzugehen. Ein Künstler muss nicht jedes Mal ein vollkommen neues Objekt herstellen. Aber die Wiederholung muss eine Entwicklung erkennen lassen und darf nicht bloß das erfolgreiche Muster reproduzieren.
Hier helfen drei einfache Prüfsteine:
1. Würde das Werk auch ohne Signatur als wichtig erkannt? Wenn nein, ist die Signatur das Wertargument, nicht das Werk.
2. Würde das Werk in einer musealen Sammlung neben Eisch, Littleton, Libensky oder einer anderen anerkannten Position bestehen? Wenn nein, gehört es in eine Privatsammlung, aber nicht in eine Sammlung mit historischem Anspruch.
3. Lässt sich das Werk in drei Sätzen beschreiben, ohne die Begriffe „faszinierend“, „magisch“, „verträumt“ oder „Licht und Schatten“ zu bemühen? Wenn nein, fehlt ihm möglicherweise die formale Sparsamkeit, die Studioglas verlangt.
Diese Prüfsteine sind nicht absolut, aber sie trennen schnell, was substanziell ist von dem, was nur glänzt. Der letzte Punkt ist besonders nützlich, weil er den Sammler zwingt, die Wirkung des Objekts in eine präzise Sprache zu übersetzen. Wer nur von Atmosphäre sprechen kann, hat das Werk vielleicht noch nicht lange genug angesehen.
Schluss: Eine Sammlung verlangt Haltung
Wer am Anfang einer Studioglas-Sammlung steht, sollte sich weniger fragen, was er kaufen kann, als was er langfristig vertreten will. Die Auktionsmärkte sind unzuverlässig, die Galerien beratungsabhängig, die Moden wechselnd. Was bleibt, ist die Qualität der Stücke und die Konsistenz der Auswahl.
Drei Empfehlungen sind deshalb belastbarer als jede Marktprognose:
1. Lesen Sie Erwin Eischs eigene Schriften zur Glaskunst. Sie sind ein wichtiges Dokument zur intellektuellen Begründung der Bewegung im deutschen Sprachraum und liefern die Argumentationsbasis, ohne die jede Sammlungsidee beliebig wirkt.
2. Besuchen Sie die genannten Museen mehrfach, in wechselnden Ausstellungen, und vergleichen Sie die Generationen. Gehen Sie dabei nicht nur auf die großen Namen zu. Oft zeigt ein weniger prominentes Werk besonders deutlich, wie Technik, Form und Haltung zusammenfinden – oder auseinanderfallen.
3. Kaufen Sie langsam. Lieber ein Werk pro Saison, das Ihre These stärkt, als zehn, die sie verwässern. Die Geduld ist im Studioglas kein Nachteil, sondern Tugend – und dieselbe Tugend, die den Künstler am Ofen auszeichnet.
Eine Studioglas-Sammlung ist kein Statussymbol. Sie ist ein Argument in Glas. Wer das verstanden hat, sammelt nicht mehr Dekoration, sondern Geschichte: die Geschichte einer Bewegung, die in Toledo als Idee formuliert wurde, in Frauenau mit Eischs eigenem Ofen ihre deutsche Praxis fand und im Bild-Werk als Bildungs- und Begegnungsort weitergetragen wird. Genau diese Unterscheidungen machen aus gekauften Objekten eine Sammlung.