Erwin Eisch Sammlung: Dokumentation in fünf Schritten

Bei der Erfassung einer Erwin-Eisch-Sammlung treffen mehrere Werkmedien aufeinander. Glasobjekte aus der Studioglas-Pionierphase ab 1962 stehen neben Ölgemälden, Tuschezeichnungen und Druckgraphiken. Die Erwin-Eisch-Stiftung wies zum Gründungszeitpunkt am 18.

Erwin Eisch Sammlung: Dokumentation in fünf Schritten

April 2009 in Frauenau einen Bestand von 230 Glasobjekten, 300 Gemälden und 550 Graphiken und Zeichnungen aus. Erwin Eisch verstarb am 25. Januar 2022 im Alter von 94 Jahren – die Bestände aus seinem Umfeld sind seither dem Risiko einer schleichenden Entwertung durch fehlende oder lückenhafte Dokumentation ausgesetzt.

Private Sammler, Galerien und kleinere Museen stehen vor derselben Aufgabe: eine heterogene Werkgruppe so zu ordnen, dass jedes Stück eindeutig identifizierbar, physisch nachvollziehbar und langfristig archivierbar bleibt. Der folgende Leitfaden beschreibt fünf aufeinander aufbauende Arbeitsschritte. Sie folgen museumsfachlichen Standards, berücksichtigen die materialspezifischen Eigenheiten von Glas und decken die übrigen Werkmedien parallel ab.

Inventarisierung ist kein Verwaltungsakt, sondern die technische Voraussetzung dafür, dass ein Werk über Jahrzehnte identifizierbar bleibt.

Schritt 1 – Systematische Inventarisierung und Nummerierung

Die Inventarnummer ist das Rückgrat jeder Sammlung. Sie wird vergeben, bevor ein Werk erfasst, beschrieben oder fotografiert wird. Ohne eindeutige Nummer lässt sich kein Datenbankeintrag einem physischen Objekt zuordnen.

Für eine Erwin-Eisch-Sammlung empfiehlt sich ein zweiteiliger Aufbau: ein Kürzel für den Bestand (beispielsweise „ES" für Eisch-Sammlung), ein Kürzel für das Medium (G für Glas, M für Malerei, GR für Graphik) und eine fortlaufende Nummer mit Prüfziffer. Beispiel: ES-G-0042. Die Prüfziffer schützt vor Tippfehlern bei der späteren Übertragung in Datenbanken oder Kataloge.

Wichtig: Die Inventarnummer wird niemals in das Objekt selbst eingraviert oder eingeritzt. Sie wird auf einem reversibel befestigten Etikett, in einer Karteikarte und im Datenbankeintrag geführt. Bei Glas gilt dies besonders: Die thermische Belastung durch Gravur sowie die mechanische Schwächung der Glaswand lösen Spannungsrisse aus und beschädigen das Werk irreversibel. Die einzige Gravur am Werk ist die Künstlersignatur – sie wird getrennt von der Inventarnummer erfasst.

Schritt 2 – Stammdaten und technische Werkmerkmale

Nach der Vergabe der Inventarnummer werden die Stammdaten erfasst. Der Umfang dieser Daten variiert je nach Medium erheblich. Die folgende Tabelle zeigt, welche Parameter pro Werkgruppe mindestens zu dokumentieren sind.

ParameterGlasobjektÖlgemäldeGraphik / Zeichnung
TitelWerktitel oder SerienbezeichnungWerktitelWerktitel
EntstehungsjahrJahr, ggf. QuartalJahrJahr
MaterialGlasart (Farbglas, Klarglas), LüstertypUntergrund (Leinwand, Holz, Papier), BindemittelPapier, Drucktechnik
MaßeHöhe × Breite × Tiefe in cmBildmaß, RahmenmaßBlattmaß, Plattenmaß
TechnikMundgeblasen, frei geformt, überfangt, lüstriertÖl, Tempera, MischtechnikRadierung, Lithografie, Siebdruck, Tusche
StandortDepot, Ausstellung, LeihgabeDepot, Ausstellung, LeihgabeDepot, Ausstellung, Leihgabe

Bei Glasobjekten sind zusätzlich Wandstärke, Mündungsweite und Zustand der Mündung (gekippt, abgesprengt, gerade) festzuhalten. Bei Gemälden gehören Rahmenmaterial, Rahmungszeitpunkt und Aufhängesystem in den Datensatz. Bei Graphiken ist die Auflagenzahl und die Position des Werks innerhalb der Auflage zu dokumentieren, sofern bekannt.

Schritt 3 – Signaturprüfung und Zustandsanalyse bei Glasobjekten

Erwin Eisch signierte und datierte viele seiner Glasarbeiten direkt am lüstrierten Boden. Die Gravur folgt einem charakteristischen Muster: Monogramm oder Initialen, Nachname, zweistellige Jahreszahl. Ein typischer Befund lautet „E Eisch 72". Diese Signatur ist das primäre Identifikationsmerkmal und muss vor allen weiteren Schritten geprüft werden.

Die Prüfung erfolgt unter gerichtetem Licht mit einer 10-fach-Lupe. Drei Punkte sind zu klären:

1. Signatur vorhanden? Wenn nein, kann das Werk dennoch authentisch sein – viele Arbeiten sind nicht signiert. Die Zuordnung erfordert dann Vergleichsmaterial oder ein Gutachten.

2. Signatur original? Spätere Anbringung durch Dritte lässt sich an Gravurtiefe, Lüsterzustand rund um die Gravur und Werkzeugabrieb erkennen.

3. Jahresangabe plausibel? Die Datierung muss zu Stilistik, Glasart und Lüstertechnik passen.

Anschließend folgt die Zustandsanalyse. Bei Glasobjekten sind fünf typische Schadensbilder zu dokumentieren:

  • Spannungsrisse – ausgelöst durch Abweichungen von der Entspannungskurve bei der Abkühlung oder durch mechanische Belastung. Sichtbar als feine, oft verzweigte Linien, häufig ausgehend von Mündung oder Kontaktstellen.
  • Entglasung – kristalline Ablagerungen auf der Oberfläche, matt-weiß, nicht entfernbar ohne Glasabtrag. Tritt bei längerer Lagerung in feuchter Umgebung auf.
  • Kantenabplatzungen – meist an Mündung, Henkelansätzen oder Boden. Vermessen und im Datenblatt kartiert.
  • Lüsterabrieb – Verlust der irisierenden Oberfläche, erkennbar an matteren, ausgegrauten Partien. Häufig an stark berührten Stellen wie Boden und Henkel.
  • Innere Spannungen – mit polarisiertem Licht oder einem Spannungstester (Polarisator) prüfbar. Hohe Restspannungen weisen auf fehlerhafte Kühlung oder nachträgliche thermische Belastung hin.
Bei der Dokumentation eines Studioglas-Werks ist die Signatur am lüstrierten Boden das primäre Identifikationsmerkmal – Lagerung und Handling müssen diesen Bereich dauerhaft zugänglich halten.

Für Ölgemälde gilt ein paralleler Befundkatalog: Craquelé-Bild, Farbverlust, Vergilbung des Firnis, Rahmungsschäden. Für Graphiken: Papiervergilbung, Lichtschäden, Montage- und Passepartout-Zustand, Knicke und Einrisse.

Schritt 4 – Fotodokumentation und Sekundärdokumente

Die Fotodokumentation erfolgt nach festgelegtem Aufnahmeschema. Mindestens vier Standardansichten sind erforderlich:

1. Frontalansicht in diffusem Licht vor neutralem Hintergrund.

2. Bodenansicht mit Signatur (bei Glas unbedingt erforderlich, bei Gemälden die Verso-Seite).

3. Detailaufnahme der Signatur oder des Lüsters in Lupenvergrößerung.

4. 45°-Schrägansicht zur Darstellung der Oberflächenstruktur und eventueller Verformungen.

Bei Glas empfiehlt sich zusätzlich eine Durchlichtaufnahme, um Lufteinschlüsse, Verfärbungen oder Spannungsfelder sichtbar zu machen. Die Belichtung muss so gewählt werden, dass der Lüster nicht überstrahlt – in der Praxis sind mehrere Aufnahmeserien mit Werten von −1 bis +1 Blende notwendig.

Parallel zur Fotografie werden Sekundärdokumente erfasst:

  • Rechnungen, Werkverzeichnis-Einträge, Galeriequittungen.
  • Zertifikate, Echtheitsbestätigungen, Expertisen.
  • Ausstellungsverzeichnisse mit Werkabbildungen.
  • Korrespondenz mit der Galerie, mit Vorbesitzern, mit der Erwin-Eisch-Stiftung.
  • Literaturbelege aus Katalogen, Monografien und Ausstellungspublikationen.

Jedes Sekundärdokument wird digital gescannt, mit der zugehörigen Inventarnummer verknüpft und mit Datum sowie Quelle versehen.

Schritt 5 – Digitale Sammlungsverwaltung

Im letzten Schritt werden alle erfassten Daten in eine Sammlungsverwaltungssoftware überführt. Bewährt haben sich Systeme, die den Getty-ID-Standard unterstützen und damit eine spätere Vernetzung mit internationalen Museumsdatenbanken ermöglichen. ARTBUTLER ist eine in Deutschland verbreitete Lösung im mittelgroßen Sammlungssegment; vergleichbar sind MuseumPlus, Axiell Collections oder IMS-basierte Eigenentwicklungen.

Jeder Datensatz enthält mindestens Inventarnummer, Stammdaten, Signaturbefund und Zustandsbeschreibung, Verweise auf Fotodateien und Sekundärdokumente, aktuellen Standort (Depot, Ausstellung, Leihgabe), Leihhistorie und Restaurierungsverlauf. Bei Glaswerken gehören zusätzlich Lagerbedingungen in den Datensatz: Raumtemperatur, relative Luftfeuchte, UV-Exposition, Vibration. Diese Parameter beeinflussen die Langzeitstabilität des Materials unmittelbar und sollten mindestens jährlich protokolliert werden.

Öffentliche Referenzsammlungen für die Gegenprüfung sind die Alexander Tutsek-Stiftung in München, das 1975 eröffnete Glasmuseum Frauenau – das unter anderem die Installation „Narziss" aus dem Eisch-Bestand bewahrt – sowie das Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast Düsseldorf, das 17 Objekte von Eisch verzeichnet.

Praxisfehler, die den Bestand entwerten

1. Inventarnummer auf dem Objekt angebracht – direkte Gravur oder Aufkleber auf Glas- oder Lüsteroberfläche. Beides beschädigt das Werk und muss unterbleiben.

2. Signatur nicht fotografiert – insbesondere bei Glas ist die Bodenansicht häufig vergessen worden, weil die Aufnahmelogistik am Boden unhandlich ist. Ohne diese Aufnahme ist die spätere Zuordnung nicht mehr zweifelsfrei möglich.

3. Provenienz erst im Nachhinein dokumentiert – Besitzerwechsel, Ausstellungshistorie und Werkverzeichnis-Einträge werden oft erst erfasst, wenn der ursprüngliche Kontext nicht mehr rekonstruierbar ist. Lücken in der Provenienz sind später nur mit hohem Aufwand zu schließen.

4. Unzureichende Beleuchtung bei der Fotografie – insbesondere bei lüstrierten Oberflächen und dunklen Gläsern. Das Ergebnis ist eine unbrauchbare Bilddatei, die das Werk für Vergleichszwecke nicht abbildet.

5. Zustandsbeschreibung ohne Maßeinheit – Angaben wie „kleiner Riss" oder „leichte Trübung" sind nicht reproduzierbar. Erforderlich sind Längenangaben in Millimetern und Flächenangaben in Quadratmillimetern.

6. Standortverwechslung Depot/Leihgabe – ohne konsequente Aktualisierung des Standortfelds in der Datenbank gehen Leihgaben unter oder werden doppelt verliehen.

Fazit: Anschlussfähigkeit des Bestands

Eine Erwin-Eisch-Sammlung hat drei bestimmende Eigenschaften: Sie ist multimedial, sie besteht aus einem physikalisch sensiblen Material, und sie hat einen festen kunsthistorischen Ort. Die multimediale Zusammensetzung – Glas, Malerei, Graphik – verlangt eine Dokumentation, die nicht nur Standardfelder abhakt, sondern die materialspezifischen Parameter jedes Werks differenziert erfasst. Die physikalische Sensibilität des Glases verlangt eine Zustandsanalyse, die über die übliche Gemälde-Befundung hinausgeht und Spannungsrisse, Entglasung und Lüsterabrieb einschließt. Der kunsthistorische Ort – begründet durch die Begegnung Eischs mit Harvey Littleton 1962 und die Mitbegründung der internationalen Studioglasbewegung – verlangt eine Dokumentation, die über die private Kartei hinaus anschlussfähig bleibt an museale Erfassungssysteme.

Die fünf hier beschriebenen Schritte sind kein Selbstzweck. Sie liefern die technische Grundlage, ohne die ein Verkauf, eine Schenkung, eine Ausstellung oder eine wissenschaftliche Auswertung des Bestands nicht zuverlässig möglich ist. Wer einen Eisch-Bestand übernimmt – ob als Erbe, als Galerist oder als Kurator –, übernimmt damit auch die Pflicht, ihn dauerhaft identifizierbar zu halten.

Häufige Fragen

Wie sollte eine Inventarnummer für eine Erwin-Eisch-Sammlung aufgebaut sein?
Empfohlen wird ein zweiteiliger Aufbau aus Bestandskürzel, Medienkürzel und fortlaufender Nummer mit Prüfziffer, zum Beispiel ES-G-0042. Die Nummer wird auf einem reversibel befestigten Etikett, in einer Karteikarte und im Datenbankeintrag geführt.
Darf die Inventarnummer auf ein Glasobjekt graviert werden?
Nein. Eine Gravur kann durch thermische Belastung und mechanische Schwächung der Glaswand Spannungsrisse verursachen; auch ein Aufkleber auf der Glas- oder Lüsteroberfläche soll unterbleiben.
Welche Angaben müssen bei Glasobjekten dokumentiert werden?
Neben Titel, Entstehungsjahr, Material, Maßen, Technik und Standort gehören Wandstärke, Mündungsweite und der Zustand der Mündung in den Datensatz. Zusätzlich werden Signaturbefund und Zustandsbeschreibung erfasst.
Wie wird die Signatur eines Erwin-Eisch-Glaswerks geprüft?
Die Prüfung erfolgt unter gerichtetem Licht mit einer 10-fach-Lupe. Dabei wird geklärt, ob eine Signatur vorhanden und original ist und ob die Jahresangabe zu Stilistik, Glasart und Lüstertechnik passt.
Welche Fotos sind für die Dokumentation eines Erwin-Eisch-Glasobjekts erforderlich?
Erforderlich sind eine Frontalansicht, eine Bodenansicht mit Signatur, eine Detailaufnahme der Signatur oder des Lüsters sowie eine 45°-Schrägansicht. Zusätzlich empfiehlt sich eine Durchlichtaufnahme, um unter anderem Lufteinschlüsse, Verfärbungen oder Spannungsfelder sichtbar zu machen.
Welche Informationen gehören in die digitale Sammlungsverwaltung?
Jeder Datensatz enthält mindestens Inventarnummer, Stammdaten, Signaturbefund, Zustandsbeschreibung, Verweise auf Fotos und Sekundärdokumente, aktuellen Standort, Leihhistorie und Restaurierungsverlauf. Bei Glaswerken werden außerdem Raumtemperatur, relative Luftfeuchte, UV-Exposition und Vibration mindestens jährlich protokolliert.