The Other Glass: Wie Recyclingglas zur neuen Ausdrucksform in der Glaskunst wird
Im Spätsommer 2026 laden das Stourbridge Glass Museum und die norwegische Kuratorin Tone Ørvik zu einer Perspektivverschiebung ein: Unter dem Titel „The Other Glass“ zeigen zehn internationale…

Im Spätsommer 2026 laden das Stourbridge Glass Museum und die norwegische Kuratorin Tone Ørvik zu einer Perspektivverschiebung ein: Unter dem Titel „The Other Glass“ zeigen zehn internationale Künstler:innen aus sieben Ländern, wie ausgedientes, sekundäres und studiospezifisches Glas – von Flaschen und Fernsehröhren bis hin zu Atelier-Scherben – zu Skulpturen, Schmuck und funktionellen Objekten transformiert wird. Diese Ausstellung, die von Ende August bis Ende Februar 2027 läuft, stellt damit nicht nur eine ästhetische Erfahrung in Aussicht, sondern positioniert Recyclingglas als gleichwertiges, narratives Medium der zeitgenössischen Studioglas-Kunst.
Material mit Geschichte: Vom Abfall zum Diskurs
Betrachtet man die Liste der eingeladenen Künstler:innen – darunter Irene Frolic aus Kanada, die Britin Hannah Gibson oder der Ire Gregory Alliss –, wird der kuratorische Ansatz Ørviks deutlich: Es geht nicht primär um technische Meisterschaft im traditionellen Sinne, sondern um die Dialogfähigkeit des Materials selbst. Die Werke sollen die inhärenten Geschichten des Glases – seine Herkunft, sein Vorleben, seine Transformation – sichtbar machen. Dieser Fokus auf den „second life“ des Materials stellt eine klare Positionierung gegen die Hierarchisierung von „edlem“ und „unwertem“ Rohstoff dar, wie sie die Glasbläsertradition lange prägte. Die Künstler:innen nutzen, wie es in der Ankündigung heißt, alles von „ausgedienten Fensterscheiben bis hin zu Marmeladengläsern“, um die versteckte Schönheit und Resilienz des Anderen, des „Other Glass“, zu enthüllen.
Institutionelle Anerkennung für eine nachhaltige Praxis
Die Wahl des Stourbridge Glass Museum als Ausstellungsort ist dabei programmatisch. Stourbridge, das historische Zentrum der britischen Glasindustrie, ist ein Ort, an dem die Spannung zwischen handwerklicher Tradition und experimentellem Ansatz besonders greifbar ist. Dass hier nun eine internationale Schau stattfindet, die Nachhaltigkeit nicht als Nebenaspekt, sondern als ästhetisches und konzeptionelles Zentrum behandelt, unterstreicht die gewachsene institutionelle Akzeptanz dieser Praxis. Wir sehen hier, wie sich der Diskurs um zeitgenössisches Glas verschiebt: weg von einer reinen Fokussierung auf Technik und Form, hin zu einer breiteren Einbindung von Ökologie, Soziologie und individueller Materialbiografie.
Ein Prager Kontrapunkt und der Blick nach vorn
Parallel dazu wirft ein Blick nach Prag ein Schlaglicht auf andere aktuelle Entwicklungen. In der Galerie skla eröffnet der renommierte tschechische Glaskünstler Petr Stacho eine Werkschau mit dem Titel „Beyond the Surface“. Seine plastischen Studioglas-Objekte, die die Wechselwirkung von Licht, innerer Raumstruktur und Materialtransparenz untersuchen, stehen für eine andere, vielleicht klassischere Richtung der Materialerforschung. Betrachtet man beide Ausstellungen nebeneinander, zeigt sich die Bandbreite des zeitgenössischen Studioglases: Während Stacho die inneren Qualitäten und die physikalische Poesie des Glases an sich erkundet, wenden sich die Künstler:innen in „The Other Glass“ dem sozialen und biografischen Umfeld des Materials zu. Für Sammler:innen, Kurator:innen und interessierte Besucher:innen bietet der Herbst 2026 somit eine seltene Gelegenheit, beide Pole dieser Entwicklung – die materialimmanente und die kontextuelle – in zwei wichtigen europäischen Institutionen zu erleben und zu vergleichen.