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Zwischen Tradition und Moderne: Wie zeitgenössisches Kunsthandwerk heute neue Wege findet

Im Londoner Somerset House läuft im Rahmen des London Design Festival 2026 die Schau "Reviving Craft: Reflection of the Mind" mit über 60 Künstlerinnen und Künstlern aus China, die das Verhältnis von…

Zwischen Tradition und Moderne: Wie zeitgenössisches Kunsthandwerk heute neue Wege findet

Im Londoner Somerset House läuft im Rahmen des London Design Festival 2026 die Schau "Reviving Craft: Reflection of the Mind" mit über 60 Künstlerinnen und Künstlern aus China, die das Verhältnis von traditionellem Handwerk und zeitgenössischer Praxis verhandeln – Glas ist als eigene Sparte vertreten. Parallel dazu stellt das Oglebay Institute in Wheeling, West Virginia, mit "New Appalachia 2026" im Stifel Fine Arts Center dieselbe Frage in regionaler Verdichtung: über 70 Arbeiten aus neun Appalachen-Staaten, darunter eine eigene Glaskategorie. Beide Häuser widmen sich derselben curatorischen Grundfrage – wie überzeugend die Übersetzung in die Gegenwart gelingt, zeigt sich jedoch erst, sobald man die Scheibe statt das Sofa betrachtet.

Was London liefert: ein Denkgebäude mit Materialfrage

Die Schau ist bis zum 27. September geöffnet und in drei Sektionen gegliedert: Clear the Mind, Refine the Mind, Nourish the Mind. Die curatorialische Folie entstammt Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus. Das Konzept dahinter: Jedes gefertigte Objekt soll etwas von der Aufmerksamkeit und der inneren Haltung der Macherin oder des Machers in sich tragen.

Man darf das bezweifeln. Wer je ein schlecht erschmolzenes Stück gesehen hat, weiß: Geist zeigt sich im Material, nicht in der Etikettierung. Allerdings bleibt die Ausstellung handwerklich ambitioniert. Steinzeug, Glas, Schmuck, Textilien und Möbel stehen neben immersiven und digitalen Elementen. Die Reihe war bereits 2024 im Musée des Arts Décoratifs in Paris mit Five Elements und 2025 im Palazzo Serbelloni in Mailand mit A Narrative of Social Life zu sehen. Wer diese Stationen verpasst hat, bekommt hier den aktuellen Stand eines Formats, das sich offenkundig als programmatische Reihe versteht – mit dem Risiko, dass das Denkgebäude wichtiger wird als das einzelne Werk.

Wheeling und die Glassparte: Wettbewerb mit Fragezeichen

New Appalachia 2026 wurde am 17. September eröffnet und ist bis zum 31. Oktober zu sehen. Die Gewinnerin der Kategorie Glas ist Desirae Fisher aus Triadelphia, West Virginia, mit einem Werk namens Woodpeckers in Paradise, einem Bleiglasstück. Der Best in Show ging an Robert Villamagna aus Wheeling für Duke of Earl in der Kategorie Metalle.

Hier wird es für den Glasdiskurs unangenehm. Bleiglas als Glas in einer Schau zu führen, die den Anspruch erhebt, handwerkliche Tradition in die Gegenwart zu übersetzen, ist curatorisch bequem. Es bedient das Erwartbare: bunt, gegenständlich, handwerklich korrekt. Was fehlt, ist die Auseinandersetzung mit der Frage, was eine eigenständige skulpturale Sprache aus dem Material heute herausholt. Die Konkurrenz der Kategorien – Keramik, Faser, Metall, Druck, Holz – deutet an, dass Glas hier als eines unter mehreren Materialien verhandelt wird, nicht als Argument für eine eigenständige Position.

Worauf zu achten ist

Wer beide Schauen besucht, sollte mit drei Fragen im Kopf gehen:

1. Materialgerechtigkeit: Trägt das Glas seine Form aus dem Material heraus, oder wird es lediglich in eine curatorische Behauptung eingespannt?

2. Konzeptuelle Tiefe: Argumentiert das Werk formal – oder reicht der bloße Verweis auf Tradition als intellektuelle Leistung?

3. Eigenständigkeit der Sparte: Wird Glas als gleichberechtigte Position verhandelt, oder fungiert es als dekoratives Komplement zu Keramik, Faser und Metall?

Beide Häuser sind derzeit geöffnet: Somerset House in London bis 27. September, Stifel Fine Arts Center in Wheeling bis 31. Oktober 2026.