Leiko Ikemuras Glaskunst im Dialog mit den alten Meistern Venedigs
Nach Angaben von Finestre sull’Arte wird die Gallerie dell’Accademia in Venedig vom 10. September bis 22. November 2026 Leiko Ikemuras Glasskulpturen zwischen ihre venezianischen Meister hängen.

Das klingt zunächst nach jener kuratorischen Großgeste, die Transparenz automatisch für Tiefe hält. Entscheidend wird jedoch sein, ob TransLucent – The Shape of Light das Glas tatsächlich als eigenständige Formensprache behauptet – oder es bloß als gefälligen Resonanzkörper der Malerei benutzt.
Die von Isabella Collavizza und Ikemura kuratierte Ausstellung fällt mit der zehnten Venice Glass Week zusammen. Sie setzt Ikemuras Arbeiten zu Werken von Paolo Veneziano, Vittore Carpaccio, Tizian und Giambattista Tiepolo in Beziehung. Ein riskantes Verfahren. Die historische Kulisse ist überwältigend; gegen sie verliert zeitgenössisches Glas schnell seine formale Autonomie und wird zur dekorativen Fußnote.
Nicht Licht, sondern Widerstand
Ikemura kam nach einer langen Arbeit in Malerei und Skulptur zum Glas. Der Stoff steht bei ihr für Fragilität, Spiritualität und Verwandlung; ihre reduzierten Figuren oszillieren zwischen Präsenz und Imagination. Das ist als Programm plausibel, aber noch keine ästhetische Rechtfertigung. Gerade im Glas entscheidet nicht die Absicht, sondern die Konsequenz: Welche Spannung erzeugen Volumen, Wandung, Farbe und Oberfläche? Wo bleibt das Material widerständig?
In der Sala del Capitolo treffen Arbeiten aus der Serie Usagi auf venezianische Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts. Ihre fließenden Gewänder sollen an den Schutzmantel der Madonna della Misericordia erinnern. Werke wie Ishi no kokoro von 2026 und Lamento von 2024 greifen die spirituelle Aufladung und das Pathos der Andachtsbilder auf. Man muss hier genau hinsehen: Entsteht aus der Nähe zu den Vorbildern eine präzise Umformung? Oder übernimmt die Skulptur nur deren ikonografische Gravität? Der Unterschied ist alles. Zitatfähigkeit ist noch kein Dialog.
Maßstab, Schlaf, Monument
Im Saal mit Tizians Darstellung Mariens im Tempel werden Ikemuras weibliche Figuren gezeigt, darunter Lying Luz von 2020/23. Ihre seit den 1990er Jahren entwickelte Figurensprache verhandelt den Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein. Das Gegenüber zur jungen Maria bei Tizian setzt einen denkbar hohen Maßstab: Das Thema Wachstum darf nicht in sentimentale Unschärfe ausweichen. Gerade Transparenz birgt die Kitschgefahr, wenn die Form keine eigene Härte entwickelt.
Noch schärfer wird diese Prüfung bei der Serie Sleep: lebensgroße, seitlich liegende Köpfe, aus denen mitunter kleine Bäume wachsen. Sie stehen in Bezug zu Carpaccios wieder zugänglichem Zyklus der heiligen Ursula, besonders zu Der Traum der heiligen Ursula. Schlaf, Vision und Vorherbestimmung liegen hier nahe beieinander. Doch das Motiv allein trägt nicht. Besucher sollten prüfen, ob die Köpfe als plastische Körper überzeugen – mit Gewicht, Proportion und einer überzeugenden Beziehung zum Raum – oder ob die aufwachsenden Bäume nur symbolische Redundanz erzeugen.
Den Dialog am Material messen
Auch Tierfiguren, hybride Hasen, Katzen und Vögel, sowie Memento Mori von 2013/26 im Gegenüber zu Tiepolos Erhöhung des Kreuzes und der heiligen Helena gehören zur Ausstellung. Im Innenhof platziert Ikemura schließlich Glasbüsten unter den Bögen der Palladio-Architektur. Das ist ein Parcours der Assoziationen, beinahe zu vollständig. Jede Station liefert Bedeutung, jede Umgebung bereits eine Lesart.
Gerade deshalb lohnt der Besuch für Glasinteressierte nicht als Wallfahrt zur „poetischen Transparenz“, sondern als Prüfung der Materialgerechtigkeit. Zuerst Abstand nehmen: Behauptet die Silhouette sich gegen Gemälde und Architektur? Dann nahe heran: Tragen Oberfläche und Volumen die Idee auch ohne kunsthistorisches Geländer? Und schließlich die entscheidende Frage stellen: Wird venezianische Tradition hier produktiv gebrochen – oder dient sie dem Gegenwartsglas als ehrfurchtsvolle Kulisse?