Monica Guggisberg und Philip Baldwin: Neue Glaskunst im Sarasota Art Museum
April 2027 richtet das Sarasota Art Museum of Ringling College of Art and Design den Blick auf ein Künstlerpaar, das die Studioglas-Bewegung seit mehr als vierzig Jahren massgeblich mitgeprägt hat…

Vom 15. November 2026 bis zum 25. April 2027 richtet das Sarasota Art Museum of Ringling College of Art and Design den Blick auf ein Künstlerpaar, das die Studioglas-Bewegung seit mehr als vierzig Jahren massgeblich mitgeprägt hat: Wie das SRQ Magazine berichtet, zeigen Monica Guggisberg und Philip Baldwin unter dem Titel «Precession Through Glass» neue Arbeiten – rare Einblicke in eine Praxis, deren Werke inzwischen in über 45 Sammlungen weltweit zu Hause sind und in Hunderten von Ausstellungen präsentiert wurden.
Vom Studio in die Kathedrale – und weiter nach Florida
Wer die Geschichte des Studioglases der letzten Jahrzehnte nachzeichnet, kommt an Baldwin und Guggisberg nicht vorbei. Seit den frühen 1980er Jahren hat das Duo – die gebürtige Schweizerin und der amerikanische Weggefährte – ein gemeinsames Werk geschaffen, das, wie die kuratorische Praxis der grossen Häuser immer wieder zeigt, die Grenzen des handwerklichen Könnens bewusst hinter sich lässt. 2018 etwa installierten Baldwin und Guggisberg eine monumentale Arbeit in der Canterbury Cathedral, ein Auftrag, der Glas nicht als dekoratives, sondern als raumhaltiges Medium auswies und die Fragilität des Materials in den monumentalen Kontext sakraler Architektur übersetzte – ein Paradigmenwechsel, der bis heute nachwirkt.
Betrachtet man die Werkbiografie genauer, so fällt auf, wie konsequent Baldwin (geboren 1947) und Guggisberg (geboren 1955) den Diskurs innerhalb der Studioglas-Bewegung mitbestimmt haben: weg von der reinen Demonstration virtuoser Ofenbeherrschung, hin zu einer Formensprache, die gesellschaftliche Analyse und kunstgeschichtliche Verweise zulässt – und gleichzeitig die durchsichtige, kühle Substanz des Glases als Denkraum benutzt.
«Precession Through Glass» – Klarheit als existenzielle Frage
Der Titel der Sarasota-Schau ist Programm, wie SRQ Magazine hervorhebt. Die Ausstellung setze die Klarheit und Zerbrechlichkeit des Materials als Folie für jene existenziellen Fragen ein, die unsere Zeit umtreiben – Fragen nach dem Ursprung der Menschheit und nach der Verfasstheit unserer Zivilisation. Anknüpfend an naturwissenschaftliche und kulturtheoretische Durchbrüche, so formulieren es die Veranstalter, untersuchen die Künstler, wie Glas geeignet ist, Übergänge sichtbar zu machen und unser Selbstverständnis immer wieder neu zu justieren. Als Referenzwerk dient dabei unter anderem «Peoples' Wall» (2018), ein frei geblasenes und kalt bearbeitetes Glasobjekt in Stahl-Montage, das die Brücke zwischen früher Werkphase und aktueller Produktion schlägt.
Wir sehen hier eine Praxis, die – vergleichbar mit der europäischen Studioglas-Linie, die sich von Erwin Eisch bis in die heutige Szene verfolgen lässt – konsequent dafür gearbeitet hat, Glas als eigenständiges künstlerisches Medium zu etablieren, und die über Jahrzehnte hinweg den Diskurs darüber offen gehalten hat, was dieses Medium gesellschaftlich leisten kann.
Was es im Auge zu behalten lohnt
Wer die Schau verfolgen möchte, sollte drei Dinge im Blick behalten: die neuen, eigens für Sarasota entstandenen Arbeiten, die bislang noch nie öffentlich zu sehen waren; den Umgang des Duos mit der bereits kanonischen «Peoples' Wall» von 2018; und schliesslich die institutionelle Frage, wie ein Museum im Kontext eines Kunst-Colleges wie dem Ringling diese Position im Studioglas-Kanon verortet.
Mit Blick auf den Herbst 2026 lohnt es sich, die Programmlinien des Sarasota Art Museum weiter im Auge zu behalten. Die stationäre Präsenz eines so renommierten Duos über fünf Monate hinweg ist ein deutliches Signal dafür, dass die amerikanischen Museen das Studioglas nicht als abgeschlossenes Kapitel behandeln, sondern – im Gegenteil – als lebendigen Dialograum, in dem die grossen Fragen unserer Zeit verhandelt werden. Eine Entwicklung, die auch hierzulande aufmerksam registriert werden darf.