Glassstress in Venedig: Wenn zeitgenössische Glaskunst den menschlichen Körper thematisiert
87 Jahre, 250 Kilogramm und ein Lebensbaum aus hauchdünnen Glasfäden: Wie der Tagesspiegel aus Venedig berichtet, verdichtet die diesjährige Ausgabe „Glassstress" der Fondazione Berengo ihre großen…

87 Jahre, 250 Kilogramm und ein Lebensbaum aus hauchdünnen Glasfäden: Wie der Tagesspiegel aus Venedig berichtet, verdichtet die diesjährige Ausgabe „Glassstress" der Fondazione Berengo ihre großen Themen zu einem leisen Manifest der Verletzlichkeit. Seit bald zwanzig Jahren wartet die Schau mit immer neuen Facetten der zeitgenössischen Glaskunst auf – und in diesem Jahrgang rückt, das zeigen die Beiträge deutlich, der menschliche Körper ins Zentrum.
Zwei Häuser, ein Programm
In diesem Jahr stellt „Glassstress" an zwei Orten aus, im Palazzo Ca' Tron am Canal Grande und erneut auf Murano, in den ehemaligen Produktionsstätten der Glasbläser. Wir sehen hier eine bewährte Doppelstrategie: Die noble Adresse am Kanal bietet den historischen Rahmen, während die Werkstätten auf Murano den unmittelbaren Bezug zur handwerklichen Produktion liefern. Gründer Adriano Berengo, im „Corriere della Sera" zuletzt mit einem „reißenden Fluss" verglichen, arbeitet seit Jahren mit Künstlern wie Ai Weiwei, Thomas Schütte und Erwin Wurm zusammen. Neu im Programm sind in diesem Jahr Beiträge von Sean Scully, Tony Cragg, Jaume Plensa und Laure Prouvost.
Der Körper als Thema
Betrachtet man die Auswahl genauer, schält sich ein Grundmotiv heraus: der menschliche Körper, seine Festigkeit und sein Zerbrechen. Die 87-jährige amerikanische Künstlerin und Feminismus-Pionierin Judy Chicago zeigt mit „Goddess" eine 250 Kilogramm schwere, abstrakte Glasskulptur, die an prähistorische Fruchtbarkeitssymbole erinnert. Leiko Ikemura, in Berlin beheimatet, ist erstmals bei „Glassstress" vertreten und präsentiert drei totemartige Figuren. Monica Bonvincini, 2022 mit einer Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie geehrt, zeigt zwei ineinander verschränkte Arme aus transparentem Glas. Besonders berührend: die portugiesische Künstlerin Fatinha Ramos, die an Osteogenesis imperfecta, der sogenannten Glasknochenkrankheit, leidet. Nach ihren Entwürfen ist auf Murano ein filigranes Gewebe aus Glasfäden entstanden – ein zerbrechlicher Lebensbaum, der die eigene Biografie in den Werkstoff einschreibt.
Worauf zu achten ist
Für unseren Blick auf die zeitgenössische Szene lohnt es sich, drei Linien weiterzuverfolgen. Erstens: Wie verändert die Einladung an Künstlerinnen wie Judy Chicago, Leiko Ikemura und Monica Bonvincini den Diskurs der Schau? Wir beobachten hier einen institutionellen Wandel, der die einst männerdominierte Liste der Berengo-Stars behutsam erweitert. Zweitens: Welche Rolle spielt Murano als künstlerisches Labor? Die Zusammenarbeit mit Fatinha Ramos und Josepha Gasch-Muche zeigt, dass das handwerkliche Können vor Ort selbst zum Material wird. Drittens: Erweist sich die Kombination von Festigkeit und Fragilität, wie Berengo es sieht, tatsächlich als das besondere Faszinosum des Werkstoffs Glas? Die diesjährige Ausgabe gibt eine deutliche Antwort – und macht „Glassstress" einmal mehr zu einem Seismografen für jene Fragen nach Würde und Brüchigkeit, die das Medium seit jeher begleiten.